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Kontaktadresse:
Geriatrische Klinik
Rorschacher Strasse 94
9000 St.Gallen
Telefon 071 243 81 11
Fax 071 243 81 12


 
     
 
 
   

 

 

das andere Museum




 
 
   
  
Kontext  
   

Der Ort, wo „das andere Museum“ geboren wurde, ist das Kompetenzzentrum Gesundheit und Alter St. Gallen mit Geriatrischer Klinik, mit Tagesklinik und Memory-Clinic, mit dem Pflegeheim mit Tagesheim, dem Altersheim und dem Seniorenwohnsitz Singenberg sowie zugewandt Alterswohnungen. Bei der Betreuung und Behandlung unserer Patienten und Bewohner sind wir immer wieder konfrontiert mit den schwierigen Seiten des Altwerdens und des Altseins: Einschränkungen, Behinderungen, Verluste, Krankheit und Sterben. Auch wenn die Rehabilitation Ressourcen orientiert ist und die vorhandenen Stärken miteinbezogen werden, besteht doch die Gefahr, die guten Seiten des Alters in den Hintergrund zu rücken.




 
 
   
Idee  
   

Die Idee für „das andere Museum“ entstand in Gesprächen mit alten Menschen, deren Augen und Gestik plötzlich lebendig wurden, wenn wir auf etwas in ihrem Leben stiessen, das sie mit Leidenschaft verfolgten. Da war z.B. die alte Frau, die nach ihrer Pensionierung über Jahre hinweg zu jeder Tages- und Jahreszeit die bekanntesten Plätze von St. Gallen auf Super-8-Filme bannte. Oder der alte Mann, der an freien Tagen mit seinem Moped losfuhr und rund um den Bodensee Fotoaufnahmen machte. ‚Heimat am See’ nannte er seine Sammlung. Oder die alte Frau, die sich wenig gönnte, aber sich für jeden speziellen Anlass einen neuen Hut kaufte und es so auf eine Sammlung von über zweihundert Hüten brachte.

Entstanden ist die Idee auch auf Hausbesuchen, wo der alte Mensch in seiner gewohnten Umgebung ganz andere Seiten von sich zeigte, als wir sie von der Geriatrischen Klinik her kannten. Eine alte Frau z.B. zeigte uns ihre Steinsammlung, erzählte uns Geschichten, wie und wo sie die Steine gefunden hatte und dabei wurde die in der Geriatrie eher depressiv wirkende Frau plötzlich lebendig.

Indem wir alten Menschen ein Podium für ihre Werke und Geschichten verschaffen, möchten wir eine Kultur anregen, die fähig ist, die Antworten anzunehmen, welche die alltäglichen Situationen auf die drängenden Fragen des Lebens bereit halten. Denn so sehr die Jungen an den hohen Massstäben der Leistungsgesellschaft leiden, so können auch die Alten den Archetypus des weisen, weitsichtigen, in sich ruhenden Alten nicht erfüllen. Der Druck, der durch diese hohen (Selbst-)Ansprüche entsteht, verstellt den Blick auf die schönen, kreativen Seiten des Lebens. Aufmerksamkeit ist ein Gut, das unabhängig ist von äusserem Reichtum oder inneren Urteilen, und gerade deshalb den Blick freilegt für die vielen Zwischentöne des Altseins.

 




 





 
   
Ziel  
   

Durch Ausstellungen und Lesungen soll die Kreativität alter Menschen gezeigt werden. Entgegen der gängigen Gleichsetzung von Alter mit Krankheit, körperlichem und geistigem Zerfall soll eine positives, mit den verschiedenen Facetten des Altseins ausgestattetes Altersbild zum Ausdruck kommen. „das andere Museum“ ist nicht gebunden an einen bestimmten Raum oder an bestimmte Gegenstände. Wir schaffen ein Podium, damit alte Menschen ihre künstlerischen Fähigkeiten, ihre Geschichten und Erfahrungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen können. Sie sollen sich befreien können von dem oft auch selbstauferlegten Druck, im erwerbsmässigen Sinn nicht mehr leistungsfähig zu sein. Das Podium kann sich in der Cafeteria eines Altersheims befinden wie auch im Schaufenster einer Bank, Lesungen aus Manuskripten von alten Menschen können in der Geriatrischen Klinik wie auch im Herzen einer Stadt oder eines Dorfes stattfinden.

Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung mit anderen Institutionen in der Altersarbeit und im kulturellen Bereich, um unserem Anliegen Nachdruck zu verleihen.

Zudem wollen wir Alt und Jung in Austausch miteinander bringen.

 




 



 
   
Verlauf  
   

1999 Startschuss zum „anderen Museum“ im internationalen Jahr der älteren Men-schen; Ausstellung von Liebesbriefen und Malgedichten; Lesungen aus un-veröffentlichten Manuskripten von Irene Monnier und Martha Handloser; Älte-re als Experten und Erzähler – Besuch von Schulklassen
2000 Ausstellung der Hüte von Frau Von Arx in der Bank zur grünen Thür
2001 Geschichtenteppich: Unserem Aufruf in der Tagespresse, wir interessierten uns für unveröffentlichte Manuskripte alter Menschen, folgten zehn Personen; neben dem Gemeinderatssaal fand eine Lesung statt, bei der ihre Geschich-ten ineinander zu einem „Geschichtenteppich“ verwoben wurden
2002 Ausstellung im Bürgerspital mit acht verschiedenen Werken von alten Men-schen: Dias, Gobelins, Photographien, Super-8-Filme, Bilder und Briefe; Ent-deckung der Malgedichte von Paul Hoppe (es folgte eine Ausstellung in Kultur zum Bahnhof, St. Gallen) und der Bilder von Karl Hauser (später wurde eines seiner Werke auch im Museum in Appenzell gezeigt)
2003 Lesungen aus den unveröffentlichten Manuskripten von Anny Nufer und Hil-degard Künzler; Unterstützung bei der Niederschrift ihrer Leben
2004 Ausstellung über Nelly Meffert-Guggenbühl, St. Galler Kinderpsychologin und ehemalige Patientin der Geriatrischen Klinik; Wettbewerb im Bürgerspital zum Thema: Geschichten und Portraits von alten Menschen; Ziel war es, die Auf-merksamkeit der MitarbeiterInnen in Bezug auf Kreativität alter Menschen zu stärken und zu fördern
2005 Gemeinsame Ausstellung mit dem Museum im Lagerhaus: „Liebeserklärung ans Leben – Junges Schaffen im Alter“; Parallelveranstaltungen: Vortragsrei-he zum Thema- „Achtung Alter!“; verschiedene Konzerte und Lesungen; No-mination zum IBK-Preis (internationale Bodenseekonferenz); Beteiligung an der Museumsnacht St. Gallen
2006 Kalender mit Portraits und Aphorismen von ehemaligen Patienten der Geriatrischen Klinik
2007 Ausstellung  „schmunzelnde Weisheiten“ von John Elsas in der Geriatrischen Klinik in Zusammenarbeit mit dem Museum im Lagerhaus.
2007/2008 Ausstellung „Zyklen und Zeiten – Bilder der Erinnerung“ von Anna Wildberger in Zusammenarbeit mit dem Museum im Lagerhaus
2007/2008 Wettbewerb „Inspiration Alter“ für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geriatrischen Institutionen im Kanton St. Gallen

Durch die Öffentlichkeitsarbeit hat sich „das andere Museum“ immer mehr zu einer Drehscheibe für kulturelle Anlässe von und für alte Menschen entwickelt. Vermehrt ka-men Anfragen von Angehörigen oder von alten Menschen selbst auf uns zu, ob wir hel-fen könnten bei der Niederschrift des Lebens, bei der Ausstellung von Fotografien usw.. Dabei konnten wir mit unserem Know-how oder unseren Beziehungen oft hilfreich sein. Wegen dem wachsenden Bedürfnis sind wir auf zusätzliche Unterstützung angewiesen.




 
 
   
Auswertung  
   

Da die Idee des „anderen Museums“ bei den Medien guten Anklang fand und die Begeisterung für die Werke alter Menschen auch auf die Journalisten übersprang, waren die Ausstellungen und Lesungen gut bis sehr gut besucht. Besonders interessierten uns aber die Rückmeldungen der AusstellerInnen und VerfasserInnen sowie die Beobachtungen und Bemerkungen aus dem Umfeld:

 
Die Dankbarkeit von Frau Fritzsche, ihre Bilder so vielen Leuten zeigen zu können: „Das war wieder ganz wie früher, als ich anderen Leute meine Dias zeigte.“

Herr Meier sagte voller Stolz zu den Angehörigen vor dem Besuch der Ausstellung: „Ihr müsst noch ein wenig warten auf den Künstler!“

Herr Hoppe malte nach der Ausstellung wieder mehr, sie hatte ihn motiviert.

Frau Fässler (Gobelin) kam in ihrem schönsten Sonntagsgewand trotz ihrer grossen Scheu an die Ausstellung.

Die Geschichten wuchsen weiter, so z.B. erfuhr ich von E. Hauser, der Pflegerin im AH, viel mehr über Herrn Hauser und seine Bilder. Zwei alte Frauen erzählten mir von ihrer Freundschaft zu Frau Bauhofer (Super-8), Frau Meier erklärte mir die Hintergründe des Schaffens ihres Mannes usw.

Es entstanden neue Kontakte (Frau Künzler und Frau Nufer lernten sich durch die Lesung kennen).

Frau Monnier sagte nach ihrer Lesung, die mit grossem Applaus aufgenommen wurde: „Das war wie eine späte Anerkennung für mein Leben“.

Einige MitarbeiterInnen schauten sich mit Patienten die ausgestellten Werke an: beim Betrachten der Bilder von Herrn Hauser konnte eine Patientin mit einer Aphasie plötzlich „Liebe'“ sagen (so berichtete die Logopädin A. Bachmann), eine Patientin hatte früher selber Gobelins gemacht und erklärte mir beim Betrachten des Gobelins von Frau Fässler viele Hintergründe zu diesem Handwerk (Anregung, Bewusstwerdung der eigenen Kompetenzen).

Eine alte Frau vom Altersheim Bürgerspital zeigte mir ihre Werke, sie wurde sich durch die Ausstellung des Wertes ihrer eigenen Arbeiten bewusst.

Ein Patient vom 6. Stock sagte: „Ich schenke ihnen ein Bild zum Abschied“ (er wusste von der Ausstellung). Die Ausstellung des „anderen Museums“ regt eine 'andere Kultur' an.

Herr Weibel, der mit 85 Jahren seine erste Ausstellung erlebte, sagte: „Ich bin als Patient in die Geriatrische Klinik gekommen und habe sie als Künstler verlassen.“




 





 
   
Ausblick  
   

Trotz dem zunehmenden Druck, dem das Personal des Bürgerspitals ausgesetzt ist, möchten wir weiterhin für alte Menschen ein Podium schaffen, damit sie ihre Kreativität zeigen können. Geplant ist ein weiterer „Geschichtenteppich“, für den alte Menschen aufgerufen werden, ihre Geschichten und Manuskripte, die jetzt vielleicht in einer Schublade liegen, einzusenden. Vor einer Zuhörerschaft wollen wir die verschiedenen Geschichten ineinander verweben.

Des Weiteren haben wir für das Personal des Kompetenzzentrums einen Wettbewerb ausgeschrieben mit dem Titel: „Inspiration Alter“. Das Ziel dieses Wettbewerbs ist, die Kreativität unseres Personals durch Alter und alte Menschen anregen zu lassen. Wir haben verschiedene Eingaben prämieren können: einen witzigen Werbefilm für Alte, Gedichte über das Altern, Skulpturen und einen Bericht über Altsein in Bosnien.

 




 
 
   
Bedeutung des „anderen Museums“  
   

Durch den nun seit Jahren anhaltenden Spardruck im Gesundheitswesen entsteht auch in der Altersmedizin eine unangebrachte Hektik. Die Tatsache, dass die Zeichnungen von Karl Hauser, die er während langen Jahren in unserer Institution geschaffen hat, bei seinem Tod beinahe weggeworfen worden wären, zeigt, dass im heutigen Spitalalltag für Kreativität wenig Raum vorhanden ist. Statt dass die Menschen als Ganzes erfasst und betreut werden können, müssen in möglichst kurzer Zeit möglichst viele medizinische Probleme gelöst werden, sodass die Ressourcen der alten Menschen zum Teil nicht zum Tragen kommen. Bei alten Menschen geht naturgemäss alles langsamer. Entsprechend sind sie in der Hektik besonders belastet. Die Schicksalsschläge, mit denen unsere Patienten fertig werden müssen, betreffen auch ihre Angehörigen. „ das andere Museum“ schafft für unsere Bewohner und Patienten und ihre Angehörigen Möglichkeiten, um zu sich selbst zu finden und die eigenen Ressourcen zu mobilisieren sowie die eigene Wertschätzung wieder zu finden. Den betreuenden Pflegenden, Ärzten und Therapeuten führt „das andere Museum“ immer wieder neu und immer aus andern Blickwinkeln die kreativen Seiten des Alters und der alten Menschen vor Augen. Das Teilhaben an der Freude von alten Menschen wirkt nach unserer Erfahrung gegen Burnout, könnte sogar dem Ausbrennen vorbeugen. Sowohl für die alten Menschen wie für die Betreuer arbeitet „das andere Museum“ Ressourcen orientiert und fördert die Partizipation auf verschiedenen Ebenen. Durch die Zusammenarbeit des „anderen Museums“ mit dem Museum im Lagerhaus betritt das „andere Museum“ sozusagen eine neue Ebene: Von einer vorwiegend hausinternen Institution tritt es in und an die Öffentlichkeit. Dies entspricht genau dem Ziel, nämlich die Bedürfnisse und Anliegen der alten Menschen aus der Institution hinaus zu tragen und ihnen in der Öffentlichkeit das gebührende Gehör zu schenken.




 



 
   
Angebot  
   

  • Wir beraten und unterstützen Sie nach unseren Möglichkeiten bei der Planunung und Durchführung von Ausstellungen oder Lesungen.
  • Wir helfen Ihnen nach unseren Möglichkeiten bei der Niederschrift Ihrer Lebensgeschichte oder bei der Überarbeitung ihres Manuskriptes.
  • Wir initiieren alle zwei bis drei Jahre neue Projekte.
  • Wir helfen Ihnen bei der Suche nach Ausstellungs- oder Leseräumen.
  • Wir setzen unser Netzwerk für Sie ein.




 
 
   
Produkte vom „anderen Museum“  
   

Für das Jahr 2006 ist ein berührender Kalender erschienen mit Fotos und Aussagen von alten Menschen, die im Bürgerspital waren. Ebenso ist ein Buch erschienen mit dem Titel „Achtung Alter!“; das Thema Alter wird aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Kalender und Buch sind erhältlich bei:




 
 
   
Kontaktadresse  
   

Prof. Dr. C. Hürny
Geriatrische Klinik St. Gallen
Rorschacher Str. 94
9000 St. Gallen
christoph.huerny @ geriatrie-sg.ch
Tel. 071 243 81 11

oder

Bernhard Brack-Zahner   
Bernegg Str. 36
9000 St. Gallen
brackzahner3 @ bluewin.ch

Tel. 071 244 20 47




 
 
   
 
   

Stand: 21.4.2008 / HÜ